Willkommen an Bord einer faszinierenden Reise, sie steht für Sie bereit, und jetzt heißt es: Anschnallen, eine authentische und unverblümte Reise durch die Zeiten beginnt und ich   werde erneut zu diesem Kind. 

Die Seele

Als echtes Sonntagskind wurde ich 1968 geboren. Das war jedoch das Einzige, was an dieser Geburt wirklich positiv war, denn gewünscht war ich nicht. Die Laune der Natur sorgte dafür, dass ich den Körper eines Jungen bekam, während meine Seele weiblich war. Man orientierte sich an dem, was sichtbar war, und so wurde ich zu Uwe. Mit der Zeit wuchs ich heran, doch Körper und Seele passten nicht zusammen. Dadurch begann für mich ein Wettrennen mit der Zeit, in dem ich ständig zwischen den Fronten stand. Man erzog mich als Jungen, während ich mich durchsetzte und überzeugte, mich den Mädchen anzuschließen. Aus dem Fußballspiel wurde ein Springseil, und die  Ritterburg fand sich in Form von Parfüm und Cremes auf meinem Nachttisch wieder. Diese Abweichung blieb nicht unbemerkt und machte mich zum Ziel von Boshaftigkeit, Gemeinheiten und schmerzhaften Übergriffen. Die anderen Kinder fanden in mir ihren Prellbock für ihre Unzufriedenheit. Was damals kleinere Auseinandersetzungen unter Kindern waren, nennt man heute Mobbing. Das geschah bis zu meinem 18. Lebensjahr. Niemand wollte mir zuhören, und so verstummte ich. Die alten Frauen auf der Dorfstraße, gekleidet in Kopftücher und Kittel, sagten stets, wenn sie mich sahen: "Schau mal, Hilde, da kommt das Kind von Gisela. Es könnte ein Mädchen sein. Hilde, schau doch einmal, der Junge sieht ja aus wie ein Mädchen." Das wahr jetzt der Seelenteil meiner Entwicklung. Jetzt kommen wir zu der Anatomie.

Die Anatomie

Bis jetzt Wuste ich jetzt nicht was mit mir los gewesen ist, aber das da was nicht stimmig gewesen ist, dass ist mir bewusst gewesen. Öffentliche Toiletten konnte ich nicht betreten, eine imaginäre Wand trennte mich von dieser Jungentoilette und so nahm ich die heftigsten Unterleibskrämpfe in Kauf. Alleine der Toilettengang war für mich immer eine Herausforderung, ich wurde immer mit etwas konfrontiert was ich nicht haben wollte, dieses komische Teil was da so leblos hing. Dann war da noch die Intimpflege, hier hätte ich am liebsten den Waschlappen gegen eine scharfe Schere getauscht und niemand verstand mich. Wissen Sie was das mit einem Kind macht, wo die Kindheit prägend ist?!

Die Reifeprüfung

Dann kam die Phase, in der man von der Pubertät sprach. Man verliebte sich, genoss das Hand-in-Hand-Gehen und entdeckte die Veränderungen des eigenen Körpers. Irgendwann wurde alles intimer, und für viele schien es die schönste Zeit ihres Lebens zu sein – für mich jedoch nicht. Ich fühlte mich weder hier noch dort zugehörig, und die Entwicklungen, die um mich herum stattfanden, interessierten mich nicht. So ging die vermeintlich schönste Phase des Heranwachsens an mir vorüber. Ähnlich erging es mir mit vielen anderen Eigenschaften, die mir ebenfalls verwehrt blieben.

Jetzt, da ich endlich 18 Jahre alt bin, fühlt es sich an, als müsste sich etwas in meinem Leben verändern – und das tut es tatsächlich. Nach vielen Experimenten und der Suche nach meiner Identität habe ich schließlich zu mir selbst gefunden. Diese Erkenntnis hat mich regelrecht umgehauen; es war, als würde ich in mir zusammenfallen. Ein schrecklicher, aber faszinierender Lebensabschnitt hat für mich begonnen.

Ich wusste mit absoluter Gewissheit, dass ich eine Frau bin und mein Körper nur eine Hülle ist. Doch in einem Moment der Verwirrung dachte ich, ich sei ein Freak, mutiere  ich mich zu einem Monster. Oh Herr im Himmel, was geschieht hier nur?

Ich helfe Euch mal auf die Sprünge

In der Zeitspanne von 1968 bis 1993, in einem ländlichen Ort mit nur 600 Einwohnern, hatten Primitivität und Oberflächlichkeit einen überragenden Stellenwert. Die Kommunikation beschränkte sich auf Telefone mit Wählscheiben und ein einfaches Telefonbuch. Die Fernsehwelt bestand aus lediglich drei Sendern: ARD, ZDF und WDR. Wissen war rar, und oft fühlte ich mich auf diesem Planeten sehr einsam.